
Von
Dr. Günther Deschner, erschienen in der
Deutschen Militärzeitschrift (DMZ), Nr. 55 Jan.-Feb. 2007. (Der Autor ist Journalist, Buchautor und Filmemacher.)
Der Krieg im Westen war gerade fünf Wochen alt, da erreichte am
16. Juni 1940
eine deutsche Vorausabteilung das Städtchen La Charité an der Loire,
200 Kilometer südlich von Paris. Die Panzerspähwagen des
Aufklärungsregiments der 9. Panzerdivision kamen als erste an das
Bahngelände der Stadt, und einer der Schützen bemerkte, wie einer der
dort abgestellten Züge noch aus dem Bahnhof hinausrollen wollte – in
Richtung Süden, in das von der deutschen Wehrmacht noch unbesetzte
Frankreich. Ein Schuß aus der Spähwagenkanone auf den Dampfkessel der
Lok brachte den Zug zum Stehen. Der Schütze ahnte noch nicht, daß er
einen der größten und brisantesten Aktenfunde des Zweiten Weltkrieges
ermöglicht hatte.

Erst der ostpreußische Funker Balzereit vom Nachrichtenzug des
Regiments machte am Nachmittag, nachdem die französischen Verteidiger
des Bahnhofs in Gefangenschaft gegangen waren, die entscheidende
Entdeckung: In gepanzerten Spezialgüterwagen, in denen er wertvolle
Fracht vermutete und die er aufbrach, stand er vor stählernen
Aktenschränken. Balzereit wühlte in den zumeist mit „Secret“, „Trés
secret“ oder „Reservé“ gekennzeichneten Dokumenten, packte einige davon
in eine Zeltbahn und lieferte sie bei seinem Vorgesetzten ab.
Der „1 c“, der Feindlageoffizier der Division, erkannte sofort, daß
man mit dem Güterwagen einen Teil der allergeheimsten Akten des
französischen Generalstabs und der bald nach Kriegsausbruch gebildeten
Interalliierten Kommission der Generalstäbe Englands und Frankreichs
erbeutet hatte. Mehrere Ju-52-Maschinen waren nötig, um das geheime
Material in das Oberkommando des Heeres zu bringen, das in Fontainebleau
untergebracht war. Schnell wurde eine Spezialistengruppe aus
Diplomaten, Geheimdienstlern, Militärs und Übersetzern gebildet, die
unter Vorsitz des deutschen Botschafters in Rom, Hans Georg von
Mackensen, den einzigartigen Fund auswertete.
Die Ergebnisse waren sensationell: Sie ergaben, daß sich die
alliierten Mächte England und Frankreich (die USA und die Sowjetunion
waren zu diesem Zeitpunkt noch neutral) nach dem siegreichen deutschen
Polen-Feldzug entschlossen hatten, den Krieg so weit wie möglich über
ganz Europa auszuweiten. Strategisches Ziel war es, die deutschen Kräfte
zu verzetteln und das Kriegsgeschehen auch dadurch von den
französischen Grenzen fernzuhalten. Die neutralen Länder Norwegen und
Schweden wollte man ebenso zum Kriegsschauplatz machen wie den Balkan
mit Jugoslawien und Griechenland. Beispielsweise war eine Landung im
griechischen Saloniki bereits bis in taktische Einzelheiten geplant. Von
der Wehrkraft der in den Krieg zu zwingenden Länder erwartete man eine
Verstärkung des alliierten Lagers von mehr als 100 Divisionen. Auch über
Belgien und Holland und selbst mit der neutralen Schweiz waren teils
weitgehende Abmachungen für die Kriegsführung gegen Deutschland
getroffen worden. Insbesondere die Schweiz geriet durch den Aktenfund
von La Charité in eine äußerst prekäre Situation und in
Erklärungsnotstand gegenüber dem Reich.
„Weltgeschichtliche Enthüllungen“
Das abenteuerlichste Unternehmen war allerdings ein geplanter Angriff
auf die Sowjetunion – lange noch, bevor Hitler sich zu seinem Krieg
gegen Rußland entschloß. Am 4. Juli wurden – in der damals üblichen
propagandistischen Verpackung – ausgewählte Teile des Aktenfundes der
deutschen Öffentlichkeit durch Pressemeldungen bekanntgemacht. „Ein
Güterzug weltgeschichtlicher Enthüllungen“, „Sensationeller
Dokumentenfund an der Loire“ oder „Der geplante Angriff auf Rußland“ –
so lauteten beispielsweise die Schlagzeilen. Und die schweizerische
Neue Zürcher Zeitung
stellte fest, es handle sich hier um Dokumente „von solcher Bedeutung,
daß ihre Veröffentlichung schlechthin als die größte Sensation dieser
Art bezeichnet werden muß“.
Die Sowjetunion und Deutschland waren zu dieser Zeit durch den
Abschluß eines Nichtangriffspaktes mit geheimen Zusatzklauseln zwar
nicht miteinander verbündet, einander aber doch verbunden. So arbeiteten
beispielsweise die Geheimpolizeien beider Länder, die unter Leitung von
SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich stehende Geheime Staatspolizei
und das sowjetische NKWD, relativ eng zusammen; Deutschland versorgte
die Sowjetunion mit militärisch wichtigen Maschinen, und vor allem
lieferte Rußland das Erdöl, das die Wehrmacht für ihre Panzer und
Flugzeuge dringend benötigte.
SD-Chef Reinhard Heydrich war einer der ersten, der die brisanten Dokumente aus La Charité zu Gesicht bekam.
Deutsche Stellen berieten darüber, ob und in welcher Weise Moskau
über die Rußland betreffenden Fundstücke informiert werden sollte,
Hitler selbst führte eine entsprechende Entscheidung herbei. Dr. Paul
Schmidt, der spätere Erfolgsautor „Paul Carell“ und damals Nachrichten-
und Pressechef des Auswärtigen Amtes, überreichte dem Berliner Vertreter
der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass, Wladimir Fillipow, dessen
wahre Tätigkeit für den geheimen Nachrichtendienst der Sowjetunion gut
bekannt war, ein Konvolut von Fotokopien der fraglichen Dokumente, damit
dieser die Papiere in Moskau vorlege. Stalins bis zum Schluß des
Zweiten Weltkrieges andauerndes Mißtrauen gegen seine späteren
Verbündeten England und Frankreich ist mit Sicherheit auch auf die aus
Berlin erhaltenen Dokumente zurückzuführen.
Die
demonstrative alliierte Einigkeit auf einem Propagandaplakat trügt.
Lange war Stalin vor allem den Briten gegenüber noch mißtrauisch.
In seiner Reichstagsrede vom 19. Juli 1940 kam Hitler selbst auf den
Aktenfund von La Charité zu sprechen und stellte fest, aus ihm gehe
unleugbar hervor, daß die englischen und französischen „Politiker und
Militärs“ versucht hatten, „Finnland für ihre Interessen zu verwenden,
wie sie sich entschlossen hatten, Norwegen und Schweden zum
Kriegsschauplatz zu machen, wie sie beabsichtigten, den Balkan in Brand
zu setzen“ und „wie sie die Vorbereitungen trafen zum Bombardement von
Batum und Baku – unter einer ebenso gerissenen wie skrupellosen
Ausdeutung der ihnen nicht abholden türkischen Neutralität.“
Viele deutsche Zeitgenossen hielten damals die Behauptung Hitlers und
die entsprechenden Veröffentlichungen in der deutschen Presse für eine
Propagandaübertreibung oder eine direkte Zwecklüge und nahmen die
Meldung über den geplanten Angriff der Westmächte auf Rußland nicht
unbedingt ernst. Selbst deutsche Militärs waren zunächst skeptisch.
Akten unter Verschluß
Im Rahmen eines 1980 von der Rheinisch-Westfälischen Akademie der
Wissenschaften veranstalteten Symposiums erinnerte sich beispielsweise
der Oberstleutnant Max Braubach noch sehr genau, wie er als Mitglied des
Stabes des Militärbefehlshabers von Frankreich 1940/41 von dem
Aktenfund in La Charité erfuhr und dann auch seine teilweise
Veröffentlichung in den Weißbüchern des Auswärtigen Amtes in die Hand
bekam: „Als ich das Heft mit den Enthüllungen über das
Kaukasus-Unternehmen las, habe ich zunächst an eine deutsche Fälschung
gedacht, da mir dies Projekt einfach zu phantastisch und unrealistisch
schien.“ Heute aber steht fest, so der Kölner Geschichtsprofessor Günter
Kahle: „Hitlers Behauptungen entsprachen den Tatsachen.“ Die
Vorbereitung eines Angriffskrieges, um die es sich handelte, ist auch
nach dem Kriege von alliierter Seite durch leider meist nur knappe,
manchmal auch widersprüchliche Aussagen einiger damals handelnder
Politiker und Militärs bestätigt worden, so beispielsweise durch die
bereits 1951 publizierten Memoiren des französischen Regierungschefs
Paul Reynaud.
Je mehr sich aber mit zunehmendem zeitlichem Abstand von den
Ereignissen das öffentliche Bild des Zweiten Weltkrieges verfestigte,
desto zurückhaltender wurden auch die alliierten Quellen. Sehr lange
hielten Briten und Franzosen wesentliche Teile der einschlägigen
Aktenbestände unter Verschluß. Nur zögerlich wurden die einschlägigen
Quellen sukzessive zugänglich gemacht. Auch die der Wehrmacht in La
Charité in die Hände gefallenen Dokumente, gegen Kriegsende nach
Ebersdorf in Thüringen ausgelagert, wurden im April 1945 von
vorrückenden Amerikanern beschlagnahmt. Noch ehe sich US-Stellen ein
Bild verschaffen konnten, griff allerdings Paris ein: In einer
Blitzaktion wurden die Akten durch ein französisches
Geheimdienstkommando wieder an die Seine geschafft, wo man durch die
Wegschließung offenbar die Beweise dafür verbergen wollte, daß im Rahmen
des einmal begonnenen Zweiten Weltkrieges auch England und Frankreich
keineswegs so friedfertig waren, wie es in der heutigen
Geschichtsschreibung zu lesen ist. Man stiftete hinterher sogar eine
Verdienstmedaille speziell für die 16 Angehörigen des französischen
Kommandos, das die Akten nach Paris zurückgeholt hatte.
Der
britische General Montgomery und der sowjetische Marschall Schukow
treffen sich nach dem Krieg im zerbombten Berlin. Um ein Haar wären sie
selbst Kriegsgegner gewesen.
Die Geschichtsschreibung hat sich lange Zeit nur wenig mit den
alliierten Plänen gegen die Sowjetunion beschäftigt. Lediglich von
französischen Militärs und von russischer Seite wurden einige kleinere
Spezialarbeiten vorgelegt. Aus naheliegenden Gründen hat auch die
sowjetamtliche Geschichte des Vaterländischen Krieges das Thema ziemlich
kursorisch behandelt. Erst in den siebziger Jahren skizzierte Günter
Kahle die ganze Dimension dieses abenteuerlichen Plans, Hans-Joachim
Lorbeer widmete sich im Rahmen der Arbeit des Militärgeschichtlichen
Forschungsamts insbesondere den militärischen Aspekten (ihm standen
allerdings nur kleinere Bestände er britischen Akten zu diesem Komplex
zur Verfügung und keine französischen), und der polnische
Geheimdienstexperte Janusz Piekalkiewicz griff in
Bild-Text-Dokumentationen über die Schweiz und den Zweiten Weltkrieg
einzelne Aspekte der alliierten Pläne auf.
Gigantische Zangenoperation
Faßt man alle diese Mitteilungen aus Akten, Memoiren und
wissenschaftlichen Vorarbeiten mit den nun weitgehend freigegebenen
französischen Quellen zusammen, dann ergibt sich ein eindeutiges Bild.
Demnach hatten der französische und der britische Generalstab auf
Weisung des französischen Ministerpräsidenten Eduard Daladier erstmals
ab Oktober 1939 die Möglichkeit einer gemeinsamen militärischen Aktion
gegen die Sowjetunion untersucht. Abgesehen von der Schwächung der
Sowjetunion (später sprach man sogar von der „Zerschlagung“) hätte eine
solche Aktion eine entscheidende Verstärkung der Wirtschaftsblockade
gegen Deutschland bedeutet.
In der Gedankenführung alliierter Politiker und Strategen entstand
eine gigantische Zangenoperation: Ein alliiertes Expeditionskorps
sollte, unter Ausnutzung des sowjetisch-finnischen Konfliktes vom Winter
1939/40 und unter Bruch der norwegischen Neutralität, in Skandinavien
landen, auch Schweden unter Druck setzen und in das alliierte
Kriegslager zwingen. Politisches Ziel dieses „Nordplans“ war die
Unterbrechung der deutschen Erzversorgung aus den schwedischen Gruben,
militärisches Endziel war der dann möglich werdende Vorstoß in den
Norden der Sowjetunion und die Wegnahme des wichtigen Hafens Murmansk.
Ab Januar 1940 arbeiteten die alliierten Generalstabschefs auf
Weisung ihrer Regierungen an einem parallelen „Südplan“ mit der
Zielsetzung eines Angriffs auf die sowjetischen Ölzentren im Kaukasus
und der Entfesselung und Unterstützung von Aufständen in der südlichen
Sowjetunion. Schon am 22. Februar konnte der Oberbefehlshaber des
französischen Heeres, der 78jährige General Maurice Gamelin, seinem
Ministerpräsidenten Daladier melden, „eine Aktion gegen die russische
Erdölindustrie im Kaukasus“ würde es ermöglichen, „einen sehr schweren,
wenn nicht entscheidenden Schlag gegen die Sowjetunion“ zu führen.
„In einigen Monaten“, so Gamelin, „könnte die UdSSR sogar in eine
derartige Verlegenheit kommen, daß sie in die Gefahr eines völligen
Zusammenbruchs geriete. Wenn dieses Ergebnis erzielt sei, so würde sich
gegen Deutschland, dem die gesamte Versorgung aus Rußland gesperrt wäre,
die Blockade im Osten schließen, und es müßte sich damit begnügen, von
den Zufuhren aus den nordischen Ländern und dem Balkan zu leben, den
letzten wirtschaftlichen Zufluchtsorten, wo es sich noch verteidigen
könnte.“
Angriff auf Baku
Was die Angriffsziele anging, wies Gamelin darauf hin, daß von drei
wichtigen Zentren der sowjetischen Ölproduktion die Gebiete von Groznyi
und Maikop selbst für Luftoperationen zu weit entfernt lägen, so daß vor
allem das Gebiet zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer,
zwischen Batum und Baku, in Frage käme. Nahezu 75 Prozent der russischen
Erdölerzeugung stammte aus diesem Gebiet.
Gamelins Denkschrift beschäftigte sich auch schon mit dem möglichen
operativen Ablauf des Unternehmens. Da wegen des unwegsamen Geländes
speziell in der Türkei, die man ohnehin erst ins alliierte Lager
herüberziehen müsse, ein Landangriff kaum in Frage käme, „muß man also
einen Angriff auf Baku aus der Luft in Aussicht nehmen.“ Als
Ausgangsbasen für die Luftoperationen sah Gamelin vor allem den Raum von
Ober-Djezireh, den sogenannten „Entenschnabel“, im damals französischen
Syrien und das Gebiet um Mossul im britisch beherrschten Irak vor. Nach
weiteren Studien der Stäbe und nachdem man die Bedenken wegen der
unvermeidlichen Verletzung der iranischen und der türkischen
Souveränität recht leicht überwunden hatte („Es ist besser, die Türken
vor vollendete Tatsachen zu stellen“), drängte der Alliierte Oberste
Kriegsrat in London bereits am 28. März 1940 auf die schnelle Verlegung
der Bomberstaffeln auf ihre nahöstlichen Basen.
Insbesondere Frankreichs Ministerpräsident Paul Reynaud, der
Nachfolger des im März zurückgetretenen Daladier, drängte auf den
Abschluß der Vorbereitungen „binnen zwei Wochen“, während der britische
Premierminister sich hinsichtlich des Beginns der Kaukasus-Operation
noch nicht festlegen wollte. Schließlich einigte man sich darauf, daß
die französischen und englischen Stäbe noch einmal voneinander getrennt
die Angriffsmöglichkeiten untersuchen sollten.
Schon Anfang April 1940 lagen die neuen Studien vor, und beide waren
einander sehr ähnlich. Sie sahen vor, die Angriffe mit drei Geschwadern
der modernsten Bomber zu beginnen, die in mehreren Wellen im Abstand von
jeweils zwei bis drei Tagen im Zeitraum von etwa einem Monat ausreichen
sollten, die insgesamt 122 Erdölraffinerien zwischen Batum und Baku zu
zerstören und das Zentrum des sowjetischen Erdölgebiets in ein
Flammenmeer zu verwandeln. Obwohl diese Studien natürlich als „Trés
secret“, als „Streng geheim“, eingestuft waren, ist es dennoch möglich,
daß dieser Plan der sowjetischen Aufklärung nicht verborgen geblieben
ist. Wie sonst wäre zu erklären, daß der Kreml im Frühjahr 1940 von
amerikanischen Experten ein Gutachten darüber bestellte, ob und unter
welchen Voraussetzungen es möglich sei, aus dem Zentrum der russischen
Ölförderung tatsächlich ein „Flammenmeer“ zu machen. Das Gutachten, das
Stalin im Mai vorlag, bestätigte diese Möglichkeit: „In Anbetracht der
Fördertechnologie, die zur intensiven Ölverschmutzung großer Gebiete
führt, ist beim Ausbruch von Bränden mit schwer löschbaren andauernden
Schwelbränden zu rechnen.“
Groteske Fehleinschätzung
Während die französischen Generalstäbler überhaupt keine Verluste
einkalkuliert hatten, rechneten die britischen Planer immerhin mit einer
Verlustquote der eingesetzten Maschinen von 20 Prozent. Ein Mißerfolg
schien aber auch ihnen ausgeschlossen. Sie waren sich sicher, daß „die
Zerstörung der vorgesehenen Ziele früher oder später zu totalen
Zusammenbruch des Kriegspotentials der UdSSR führen müsse.
Die Fehleinschätzung der Sowjetunion, die wesentlich auf das
schlechte Abschneiden der Roten Armee im gerade zu Ende gegangenen
finnisch-sowjetischen Winterkrieg sowie auf völlig wirklichkeitsferne
Beurteilungen ihrer Stärke durch den in seinem Londoner Exil zu Rate
gezogenen polnischen General Wladslaw Sikorsi zurückging, war freilich
geradezu grotesk. Selbst die ursprünglichen optimistischen
Einschätzungen der eigenen militärischen Kraft gegenüber den
vermeintlich schwachen Kräften der Sowjetunion von deutscher Seite vor
Beginn des deutschen Ostfeldzuges (etwa durch Generalstabschef Franz
Halder und in geringerem Maße auch durch Hitler selbst) erscheinen im
Vergleich dazu pessimistisch. „Man glaubt zu träumen“, so der
französische Luftwaffengeneral Lionel-Max Chassin, der nach dem Krieg in
einer internen Studie die alliierten Planungen gegen Baku einer rein
militärischen Kritik unterzog, „aber es war doch Realität.“
Aber wenn es auch abenteuerlich war, so wurde die Vorbereitung des
Angriffskrieges auf die Sowjetunion ernsthaft befohlen. Bomberstaffeln,
Personal und Material wurden auf die vorgesehenen Luftbasen verlegt. Am
17. April 1940 versicherte der Befehlshaber der französischen
Levante-Armee, General Maxime Weygand, schriftlich: „Die Vorbereitungen
für die Bombardierung der kaukasischen Erdölgebiete sind so weit
gediehen, daß man die Zeit berechnen kann, in der die Durchführung
dieser Operation möglich ist. Die Klugheit erfordert, diese Operation
nicht auf die Zeit vor Ende Juni oder Anfang Juli [1940] festzusetzen.“
Das französische Oberkommando akzeptierte Weygands Vorschlag und
beschloß den Angriff auf das sowjetische Erdölzentrum, wie Reynaud in
seinen Memoiren bestätigt, für die Monatswende Juni/Juli 1940. Die
getarnten Maschinen einer Aufklärerstaffel der britischen Luftwaffe
unter Führung von Commander (Oberst) Joseph Cotton erkundeten bereits
mit zahlreichen Einflügen in die südliche Sowjetunion die vorgesehenen
Angriffsziele. Die Zielmarkierungen für die Bomber wurden festgelegt.
Die Karten befinden sich heute in den Sammlungen des Imperial War Museum
in London.
Schließlich sollten den Luftangriffen Landoperationen folgen. Die
Franzosen hatten dafür mit ihrer in Syrien stationierten und laufend
weiter verstärkten Levante-Armee bereits 150.000 Mann mit moderner
Ausrüstung, die vollmotorisiert waren, bereitgestellt. Gleichzeitig
plante man, durch entsprechende Geheimdienstoperationen die antirussisch
gesonnenen Kaukasusvölker und – unter Ausnutzung des großtürkischen
Gedankens – auch die sich östlich anschließenden Turkvölker der
Sowjetunion zu einer Erhebung gegen die Moskauer Zentralmacht zu
veranlassen und sie durch britische Luftlandeeinheiten zu unterstützen.
Zum Monatswechsel Juni/Juli 1940 sollte der abenteuerliche
Angriffskrieg beginnen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten Frankreich und
England andere Sorgen. Geradezu schulmäßig hatte die deutsche Wehrmacht
die französische Armee besiegt. Und ab dann begann ein ganz anderes
Spiel: Die Westmächte buhlten nun um die Gunst der Sowjetunion, die sie
kurz vorher noch hatten angreifen wollen.
Hat der deutsche Kanzler Stalin mit dem siegreichen Frankreichfeldzug vor einer Invasion gerettet?
http://schwertasblog.wordpress.com/2014/06/16/der-geplante-uberfall-frankreich-und-england-wollten-1940-rusland-angreifen/