14 September 2006

Das Entstehen der "Noopolitik"



Mao Tse Tung wird der Spruch zugeschrieben, die Macht komme aus den Gewehrläufen. Ein dummer Spruch! Gegenfrage: "Und woher kommen die Gewehrläufe?" Angesichts eines Feindes mit Atombomben wich er aus, wie es die meisten tun: Wenn sie nicht mehr weiter wissen, wechseln sie die Abstraktionsebene - in die Philosophie aus und argumentieren: Der Mensch sei der Technik überlegen, Er möge Atombomben einsetzen, wir aber haben Millionen Kämpfer, die werden schließlich siegen. Hatte Mao sich damit nicht selbst widersprochen? Es sind nicht die Gewehrläufe, sondern die Menschen, die damit zielen. Aber Gewehrläufe sind auch wirksam, dazu wurden sie schließlich erfunden.
Fast hundert Jahre lang versuchten die Normannen aus England aufgrund irgendwelcher, dynastischer Rechtsansprüche Frankreich zu erobern. Die Engländer waren überlegen. Sie hatten "freie" Bauern (eigentlich geknechtete "Sachsen") angeheuert, die wie Robin Hood den Langbogen zu bedienen wußten. Die Pfeile der starken Langbogen durchschlugen sehr schön ziselierte, schmucke Rüstungen und Kettenhemden. Die eleganten französischen Ritter scheiterten an den englischen Bauern bis 1453 zur Schlacht von Formigny. Da kartätschte die Französische Artillerie mit wenigen Feldschlangen die bisher mit ihren Langbogen überlegenen britischen Truppen nieder und beendeten den Hundertjährigen Krieg. Den französischen Verlusten von ganzen zwölf Mann lagen 5.600 gefallene Engländer gegenüber. Wenig später zerschossen die Türken die Mauern von Byzanz mit Kanonen und eroberten das Oströmische Reich. Erste gußeiserne und damit wirksame Kanonen waren bereits hundert Jahre zuvor kaum bemerkt bei der Belagerung von Terni zum Einsatz gekommen. Erfunden und geliefert hatte sie ein Merklin Gast aus Augsburg, der auch die ersten brauchbaren Musketen und Luntengewehre produzierte - und damit ein neues Zeitalter einleitete. Dieses kommt nun, auch wenn es lange brauchte, bis es sich durchsetzte, an sein jähes Ende. Der Absturz wird kurz, aber wahrscheinlich leider nicht schmerzlos sein. Daran sind Gewehrläufe oder Atombomben wohl kaum beteiligt. Um das zu begreifen, sollte man die Änderung verstehen.
Bis um 1453 herrschten Gemeinwesen. Ein Volk zusammengehalten durch eine Ideologie oder Religion, welche die Form vorgab, in der der einzelne "richtig" denken, erfolgreich leben und seinen Platz in der Gesellschaft finden konnte, wuchs unter einer moralischen Führung heran. Das heißt, es konnte eine möglichst große Zahl von Menschen so gut ernähren, daß eine große Zahl von Kämpfern bewaffnet und in Übung gehalten werden konnte. Dieses Gemeinwesen konnte sich verteidigen und gedeihen oder es konnte sich andere Völker dienstbar machen. Im zweiten Fall wuchsen mit seiner Potenz auch die sozialen Konflikte, an denen es schließlich zugrunde gehen mußte. Was war danach anders?
Ein englischer Aristokrat - ich glaube es war Lord Astor - soll, als um 1904 über die entscheidende Rolle der Waffentechnologie für den Erhalt der politischen und wirtschaftlichen Macht und die Rolle, die das Erziehungswesen dabei spielen würde, diskutiert wurde, gesagt haben: "Wissenschaftler? Erziehen? Warum? Die kaufen wir uns". Spätestens seit 1453 standen Kriege nicht mehr unter dem strategischen Ziel, welches Volk sich welches andere vom Hals hält oder sich dienstbar macht. Das strategische Ziel hieß nun "Geld". Mit Kriegen wurde Geld verdient. Auf Seiten der Regierungen hieß es, das Geld und die Zinsen zur Rückzahlung für die Kredite wieder hereinzubekommen, die man aufnehmen mußte, um den Krieg führen zu können. Auf Seiten der Bankiers stellte sich die Frage so: "Wo sind die Regierungen, die ihre Völker am wenigsten im Griff haben, so daß sie der Machtergreifung die größten Schwierigkeiten bereiten würden, und wen könnte man gegen diese ins Feld führen?"
Das Ziel der Bankiers verbarg sich hinter dem Ruf: "Freiheit und Demokratie!" oder zu deutsch: "Let money rule the world!" Alles, was sonst dazu erforderlich ist, Regierungen, Männer, Waffen, Erfinder, das alles hatte einfach nur einen Preis. Spätestens seitdem Eduard III 1342 die Zahlungen auf die Kredite der Bardi und Peruzzi als Finanziers "seines" Hundertjährigen Kriegs einstellte und die Bankhäuser in den Bankrott trieb, mußten sich die Bankiers neue Waffen schmieden, um sich Regierungen abhängig zu machen, Demokratie war eine dieser Waffen, Freiheit war das Versprechen, mit dem man das Volk gegen die Regierung aufbringen konnte. Der Rest waren Finanzierungsfinessen. So wurden Regierungen zum Spielzeug der Bankiers. Durch Geldmanipulation ließ sich in jedem Land Stimmung gegen die Regierung machen und diese - demokratisch oder nicht - in kurzer Zeit in die Knie zwingen. Warum das? Weil sich - auch wenn gerne anderes behauptet wird - gegen die Mehrheit eines Volkes nicht regieren läßt. Schon Brecht fragte bekanntlich, ob Caesar als er Gallien eroberte, nicht wenigstens einen Koch bei sich hatte. Bush, Cheney und der Rest könnten Hunderte von Kriege vorschlagen. Sie kämen nicht zustande, wenn nicht der ganze Apparat, das heißt die organisierte Mehrheit mitzöge. Was wären sie ohne ihren "Koch"? Das gilt selbst für antike Tyrannen: Sie brauchten eine potentere Mehrheit hinter sich. Ohne diese hätten sie die nächste Nacht nicht überlebten. An der schwindenden Mehrheit scheiterte selbst ein so beliebter und fähiger Feldherr wie Wallenstein. Machiavelli meinte, es ginge auch ohne. Ich bezweifle das. Nur, die Organisation beginnt im Kopf, nicht im Gewehrlauf - aber ohne den geht es dann auch nicht.
Nachdem die translatio imperii 1913 formell abgeschlossen war, entschied der Erste Weltkrieg endgültig über den Rückhalt der Bankiers. Die großen Zerstörungen im europäischen Raum warfen Sieger wie Besiegte zurück und verlangte "Restauration", Wiederherstellung. Die alten Kolonialreiche England, Frankreich und Holland griffen dazu auf ihre während des Krieges vernachlässigten Kolonien zurück. Um sich schadlos zu halten, verschärften sie dort die Ausbeutung mit den antiquierten Mitteln direkter Gewalt. Die besiegten Nationen waren im internationalen Wettbewerb auf ihre eigenen Ressourcen angewiesen und mußten dazu die im Volk vorhandenen Kräfte wecken. Das gelang zumeist mit einem diktatorischen Zentralismus, der aber nur in Verbindung mit einem starken Populismus erfolgreich sein konnte. Der Populismus förderte in diesen Völkern den strukturellen Umbruch zum Modernismus.
Amerika schien dank seiner Produktionsmöglichkeiten der Hauptnutznießer der Wiederaufbauphase nach dem Krieg zu sein. Doch störte das amerikanische Handelsinteresse, daß sich die Staaten, die aufgrund der Verelendung von sozialen Unruhen geplagt wurden, im Kampf um das eigene Überleben gegeneinander abzuschotten begannen. "If money should rule", mußten sowohl der antiquierte Kolonialismus als auch die Autarkiebemühung gebrochen werden. Wer dieses strategische Ziel nicht verstand verlor den Krieg, und das waren nicht nur Deutschland und die Sowjetunion, sondern auch England, Frankreich, Holland. Das ganze geschah "wirtschaftlich", durch gegenseitige Bekämpfung.
Die zweite heiße Phase des gesellschaftlichen Umbruchs marginalisierte Europa und den Rest der Welt. Die alleinige Siegermacht waren die USA. Sie löste die alten Kolonialreiche auf und ersetzte sie durch das "informelle Empire", den freien Handel zwischen ungleichen Partnern. Daraus mußte mit der Zeit wegen der Ungleichheit der Partner der sogenannte "Globalismus" hervorgehen. Das heißt, Macht und Schutzfunktion der Nationalstaaten für ihre Bürger mußten, um sie dem "freien" Zugriff übernationaler Wirtschaftsunternehmen und ihrer Bankiers auszuliefern, gebrochen werden. Das geschieht "demokratisch" durch Verschuldung.
Überschuldung macht es dem Nationalstaat und seiner Regierungen immer schwieriger, gezielt zur Verteidigung des Wohles der Bevölkerung in das Wirtschaftsgeschehen einzugreifen. Die Regierungen werden letztlich zu Instrumenten der Umverteilung der Vermögen der Bevölkerung an die Bankiers. So hob die rot-grüne Regierung die Steuerschranken auf, die den Erwerb mittelständischer Unternehmen durch ausländische Finanziers erschwerte. Steinbrück will das gleiche nun für Wohnungen durchsetzen. Nach der neuesten Planung sollen sogenannte Real Estate Investment Trusts (REITs) Gewinne aus dem Handel mit Wohnungen unversteuert ausschütten. Töchter der Banken, die sich das Geld selbst drucken dürfen, können damit den Bürgern unter Umständen noch die Wohnung unterm Hintern wegkaufen. Die Umstände ergeben sich aus der allgemeinen Verschuldung durch das privatisierte Geldwesen. Auch Polizei und Armee werden privatisiert, d.h. gehen vom bankrotten Staat allmählich an die Banken, die sie sich leisten können.
Bleibt nur noch, den im Volk verbliebenen Widerstand gegen die uneingeschränkte Herrschaft einer immer kleineren Bankiers-Clique zu brechen. Dem dient zum einen der Krieg gegen den Terrorismus. Dieser gilt weniger den Terroristen, von denen viele bereits auf der Gehaltsliste der Bankiers stehen, als dem islamischen Bankwesen, das sich der Vereinnahme durch das Internationale Bankwesen und sein Verschuldungssystem sperrt. Die US-Regierung ist konsequent, wenn sie neuerdings den "Islamofaschismus" anklagt und mit dem "Hitlerfaschismus" gleichsetzt. Denn das durch Bankiersgelder hochgepäppelte Hitlerregime geriet ja nicht wegen seiner Rechtsbrüche oder Judenverfolgungen in Verruf, sondern weil es im "Telegraphenkrieg" von 1938 das Friedensangebot abgelehnt hatte, nämlich die freiwillige Wiedereingliederung in das westliche Finanzsystem.
Noch schwieriger ist es allerdings für die Bankiers, sich die "schweigende Mehrheit" zu sichern. Dafür erstellten früher Priester ein Weltbild, in dem das gewünschte Wohlverhalten der Menschen als das allernatürlichste Verhalten erschien. Das waren damals feste Formen. Heute muß sich das rasch ändern lassen. Der Sekretär des Supreme Court Justice Brandeis, David Riesman entwickelte dafür das Konzept des "außengeleiteten" Menschen, eines innerlich ausgeleerten Menschen, dem die Medien jeweils die wünschenswerte Meinung vorgeben. Die Vielschichtigkeit des Internets und des Cyberspace erschweren die Meinungsstrukturierung. Daher fordert der Report MR 1033 der Rand Corporation aus dem Jahr 2003 "The Emergence of Noopolitik", als "strategic information warfighting doctrine" - vor allem in einer Zeit, in der S. M. Lipsets "optimistische Gleichung" "moving democracy in tandem with prosperity", die Demokratie gleich Wohlstand setzt, nicht mehr überzeugt.
Um den "amerikanischen Einfluß" neu in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verankern, muß eine neue Noosphäre, ein geistiges Vorverständnis geschaffen werden. (Das Wort leitet sich vom griechischen Wort "noein" = "wahrnehmen" und "noos" = "Geist" ab). Die Noosphäre "is shaping people's views". Es geht also nicht mehr nur darum, den Menschen ein X für ein U vorzumachen, sondern um "information structuring". Das heißt, es muß eine Denkgestalt aufgebaut werden, die bewirkt, daß die Menschen die Fülle unterschiedlichster auch gegensätzlicher Informationen immer so auffassen, daß dadurch der "Amercan influence" fortgeführt werden kann. Die Herstellung eines derart strukturierten Vorverständnisses heißt Noopolitik, die der erwähnte Bericht vorbereiten will. Die Macht kommt nicht aus den Gewehrläufen sondern aus dem Reich der Ideen. Ob auch diese nur einen Preis haben, wird die Zukunft zeigen.http://www.spatzseite.de/

Ansorde:Ja,die Spatzen Pfeifen es schon von den Dächern !

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