23 Mai 2006

Wacht auf, Traumtänzer dieser Erde...

Die Schachfiguren formieren sich
Eine Gruppe der Nukak-Maku Indianer verließ, nach jüngsten Presseberichten, den Regenwald des Amazonas, um der "modernen Welt" beizutreten. Wenn das kein Beweis für die Überzeugungsfähigkeit des amerikanische Jahrhundert ist! Ob sie wußten, was sie taten? Die "moderne Welt", die wir, die Leute außerhalb des Urwalds der Indianer seit 1945 erfahren durften, ändert sich zur Zeit rasant, auch wenn das in Berlin, wo man den Kopf nur zum Nicken und Haareschneiden zu benutzen scheint, noch niemand bemerken darf.
Das Dollartum kommt an sein Ende. Auf dem Treffen der Chefs der Asien-Entwicklungsbank (ADB) in Hyderahbad in Indien forderte der US-Schatzamtschef Timothy Adams wieder einmal seinen chinesischen Kollegen, den Vizefinanzminister Chinas Yong Li auf, seine Währung zur Spekulation auf den Finanzmärkten freizugeben oder doch wenigstens aufzuwerten. Darauf entgegnete der Chinese, er habe gerüchtweise gehört, der Dollar werde um schockierende 25% abgewertet. Das bewerteten Kenner aber auch der Vertreter Japans als deutliche Aufforderung: "Redet den Dollar doch nicht künstlich runter!"
Natürlich hängen sich an die für die sprichwörtliche, chinesische Höflichkeit ungewöhnlich "harte" Auseinandersetzung Gerüchte, China kaufe Gold, um sich vor dem Dollarsturz zu schützen, von 2.500 Tonnen war die Rede. Auch findet man auf der Webseite des Rohstoffministeriums Chinas den Hinweis, daß man Reserven von strategischen Mineralien anlege. Genannt werden Kupfer, Aluminium, Mangan, Chrom und in erster Linie Uran. Das sei als "Mittel der Marktanpassung, als Notfallvorsorge und zur Garantie der Rohstoffversorgung nötig".
China steht nicht alleine. Auch andere wollen mit ihren Dollarbeständen noch schnell etwas Vernünftiges anfangen. Nach Wall Street Journal vom 10.5.2006 kaufen Hedge Fonds jetzt so gut wie alles, sogar Landeswährungen von Lateinamerikanischen Ländern oder der Türkei. Andere kaufen, was noch niet- und nagelfest ist. Die Aushänge an den Warenbörsen zeigen, was da alles aufgekauft wird: Gold, Platin - geschenkt -, aber auch Kupfer (8.100 US-Dollar die Tonne), Aluminium (über 3.000 US-Dollar die Tonne), Zink, Nickel, sogar in Stahl wird spekuliert. Nur die Immobilienpreise stagnieren noch. In den Wohngebieten um Washington DC stieg die Halde der unverkäuflichen Wohnungen gegenüber dem letzten Jahr um 500% mit exponentiell steigender Tendenz. Noch sind die Preisabschläge gering, weil die Verkäufer hoffen, aus dem Erlös wenigstens ihre Hypothekenschulden abdecken zu können. Schulden haben wird gefährlich.
Nicht nur das Dollartum, auch seine politische Organisation bricht ein. 1948 hatte George Kennan als Chefplaner im US Außenministerium in einer damals geheimen Strategievorlage geschrieben: "Wir besitzen etwa 50% des Reichtums dieser Welt, stellen aber nur 6.3% ihrer Bevölkerung. Dieser Unterschied ist im Verhältnis zwischen uns und den Völkern Asiens besonders groß. In einer solchen Situation kommen wir nicht umhin, Neid und Mißgunst auf uns zu lenken. Unsere eigentliche Aufgabe in der nächsten Zeit besteht darin, eine Form von Beziehungen zu finden, die es uns erlaubt, diese Wohlstandsunterschiede ohne ernsthafte Abstriche an unserer nationalen Sicherheit beizubehalten. Um das zu erreichen, werden wir auf alle Sentimentalitäten und Tagträumereien verzichten müssen; und wir werden unsere Aufmerksamkeit überall auf unsere ureigensten, nationalen Vorhaben konzentriert müssen. Wir dürfen uns nicht vormachen, daß wir uns heute noch den Luxus von Altruismus und Weltbeglückung leisten könnten". Das war 1948 am Ende des Zweiten und Anfang des Dritten, des Kalten Weltkrieges.
Die "Beziehungen" konnten die USA - dank der noch immer umlaufenden Träumereien vom Land der Freiheit und grenzenlosen Chancen, dank des früheren Buhmanns Sowjetunion und dank der über die Jahre ständig gesteigerten Verteufelung der Nazi-Deutschen, wobei vor allem deren damalige wirtschaftspolitische Ansätze mit dem Blut der Holocaust-Opfer überstrichen werden mußte - lange Zeit aufrecht erhalten. Nun tritt Ernüchterung ein.
Putins Rede an die Nation vom 10. Mai ist unmißverständlich: "We got the message", Ihr wollt uns fertigmachen, aber wir wissen uns zu verteidigen. Auch der Chinesische Präsident Hu Jintao hat die "Message" verstanden, als man ihm beim Staatsbesuch in den USA die Nationalhymne Taiwans als die chinesische vorspielte - ebenso "aus Versehen" wie die Raketen auf die chinesische Botschaft im letzten Serbienkrieg. Er fuhr postwendend weiter nach Saudi Arabien, erteilte der Saudi Basic Industries Corp. (SABIC) nicht nur Aufträge im Wert von 5,2 Mrd. US$ (was soll er sonst auch mit den 825 Mrd. Dollar im Tresor der chinesischen Nationalbank anfangen?) sondern unterschrieb mit Saudischen Amts-Prinzen gleich auch noch zahlreiche Handels-, Verteidigungs- und Sicherheitsabkommen, über deren Inhalt die Welt nur das Unwichtige erfährt. Er fuhr gleich weiter nach Marokko, Nigeria und Kenya - alles US-Verbündete, denen Rumsfeld erst kürzlich noch einmal den Kauf amerikanischer Waffen aufnötigen konnte. Zuvor war er in Lateinamerika, wo - wie früher schon erwähnt - zur Zeit auch erstaunliche Umbrüche stattfinden.
Wichtiger ist aber die Entscheidung der Shanghai Organisation für Zusammenarbeit (SCO), ihre Zusammenarbeit auf den Iran, Indien, die Mongolei, ja sogar Pakistan auszuweiten. Die SCO war Anfang 2001 von Rußland, China und den früher Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan und Usbekistan gegründet worden und war wohl der eigentliche strategische Grund für 9/11 und die Invasion der USA in Afghanistan. Die förmliche Aufnahme soll auf dem nächsten Treffen der SCO am 15. Juni erfolgen. Inzwischen hat der chinesische Botschafter Lio G. Tan in Teheran langfristige Lieferverträge über Öl und Erdgas mit dem Iran unterzeichnet. Indien will bei der SCO mitmachen, obwohl erst kürzlich Bush dort war, und das mit eigenartigen Zugeständnissen in der Kernenergiefrage und dem Versprechen, Indien als "Gegengewicht zu China" aufbauen zu wollen, verhindern wollte. Der US-Präsident übersah, daß Indien über 60 Jahre Erfahrungen hat, was es mit einem solchen "Gegengewicht" auf sich hatte. Mit den ebenso leeren Händen kam Cheny von seiner Reise durch Osteuropa und Zentralasien zurück. Die verzweifelte Rettungsaktion kam wohl etwas spät.
Das Ziel der SCO ist, wie der Iranische Vizeaußenminister Manouchehr Mohammadie bei der Unterzeichnung eines Vertrags über die langfristige iran-russische Zusammenarbeit auf dem Öl- und Erdgassektor letzte Woche in Moskau sagte, die "Welt fairer" zu machen (und das hat sie bitter nötig). Die SCO nimmt gewaltige, grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte wie Pipelines für Öl, Gas und Wasser, Eisenbahnlinien, Straßen und Kommunikationsleitungen in Angriff, organisiert in den Ländern die Prospektion von Bodenschätzen und den Austausch dringend benötigter Technologie. Man sollte nicht vergessen, daß neben Südafrika auch China den HTR-Kugelhaufenreaktor in Serie baut, mit dem die angeblichen Klimagase aus der Kohle- Öl- und Gasverbrennung (CO2 und Wasserdampf) wieder zu Methan und in andere Kohlenwasserstoffe "recycled" werden können (wozu unseren Schwachköpfen in Berlin und an der Ruhr, die den HTR in Hamm-Uetrop befehlsgehorsam zu Fall gebracht hatten, nur "Zu Befehl!", Verbrennungsverbote oder Einschränkungen einfallen).
Letztes Jahr wollte die USA wenigstens als "Beobachter" bei der SCO zugelassen werden. Man lehnte dankend ab, und weiß natürlich warum. Dagegen hatte die SCO Afghanistan zur Mitgliedschaft eingeladen. Doch der Präsident von US-Gnaden, Hamid Karzai, blieb eine Antwort schuldig: Mögen tät' man schon, aber ob man darf? Auch die Vorstöße zum Öl am Kaspischen See geraten ins Stocken. Usbekistan kündigte wieder die US-Militärbasen, der "bunte" Versuch des Regime Change schlug fehl. Der kasachische Präsident Nazarbayew schlug alle Offerten hinsichtlich künftiger Ölverkäufe über die Baku-Ceyhan höflich in den Wind und fuhr am 3. April nach Moskau, wo er nicht nur an der russischen Pipeline festzuhalten versprach. Tadschikistan blieb schon wegen seiner Importabhängigkeit Rußland treu und selbst in Kirgistan hielt der "bunt" ausgewechselte Präsident Bakiew an dem nach Moskau orientierten Premierminister Kulow fest. Was Wunder, daß man sich in Washington daran machte, den Südasien-Desk im Außenministerium umzuorganisieren. Ob das noch viel helfen wird?
Das US-Establishment hinter dem freiheitlich demokratischen Firlefanz scheint aufzuwachen. Die Neokons unter Präsident Bush haben nicht geliefert, was sie versprochen hatten, nämlich gemäß der Bush-Doktrin (seine Rede im Juni 2002 vor der US-Militärakademie in West Point), der Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten von 2002, um jeden Preis den Zusammenschluß von Nationen zu verhindern, welche die USA Weltherrschaft herausfordern könnten. Alle Androhungen von "preemptive war" sogar mit Atomwaffen halfen nichts, die Welt ließ sich nicht mehr wie das aufgekaufte, vor sich hinfaulende Europa ("was machen wir nur ohne den Großen Bruder?") einschüchtern.
Die Welt dankt das zum großen Teil dem Mut eines Ahmadinejad (hoffentlich war es kein Übermut), dessen gutkomponierten Brief die US-Außenministerin "ungelesen" als religiöses, philosophisches Zeug, wie sie öffentlich zugab, zurückgewiesen hat. Auch der Cowboy auf dem Weltenthron machte sich nicht die Mühe, das Gesprächsangebot des Iran zu lesen, er ließ sich wenigstens "briefen". Präsident Susilo Bambang von Indonesien bescheinigte Ahmadinejad am 10. Mai im Manar-TV, ein "friedliches" Atomprogramm zu betreiben, sein Außenminister Wirajuda pflichtete dem bei - und das am Vorabend des Treffens der Vertreter der 18 Islamischen Staaten in Bali.
Die US-Elite ist "not amused". Das war nicht so ganz der Weg, den Kennan 1948 vorgeschlagen hatte. Und so verlassen die eingeweihten Ratten das sinkende Schiff der Administration, wird ein Posten nach dem anderen neu besetzt und wird der Präsident, sein Vize und sein Kriegsminister langsam aber mit deutlich steigender Tendenz in der Öffentlichkeit demontiert, um so den Weg für eine scheinbar demokratische Neubesetzung freizumachen.
Was sie bringen wird? Schwer zu sagen? Einen guten Hinweis bietet das kürzlich veröffentlichte und von den Medien vorprogrammiert zunächst als "antisemitisch" verschrieene Papier mit dem bezeichnenden Titel "Die Israel Lobby und die US Außenpolitik" von zwei "anerkannten" Politikberatern im Hintergrund: Prof. Mearsheimer Direktor des Programms für Internationale Sicherheit an der Universität Chicago und Prof. Walt von Harvards Kennedy School of Government. Ob es gelingt, die Situation mit ein paar Zugeständnissen an die Palästinenser wieder zu retten? Die eigentliche Musik spielt an den Finanzmärkten. Sie entscheiden letztlich, ob Kennans Nachkriegspolitik auf Dauer erfolgreich war oder nicht. Alle Bushs und Co sind nur Bauern auf dem "Schachbrett", über das einst Brezezinski glaubte, souverän verfügen zu können. Mit Spielgeld läßt sich schlecht wirtschaften. Leute, jetzt wird es spannend.

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